Besser klettern durch Meditation: Warum mein wichtigster Muskel zwischen den Ohren sitzt
Früher dachte ich, besser klettern bedeutet: mehr Klimmzüge, stärkere Finger und möglichst viele Stunden an der Wand. Heute, mit über 70, weiß ich: Der entscheidende Muskel sitzt oft nicht in den Armen, sondern zwischen den Ohren. Denn seien wir ehrlich: Die meisten von uns scheitern nicht daran, dass der Griff zu klein ist. Wir scheitern daran, dass unser Kopf plötzlich beschließt, ein Drama daraus zu machen.
Wenn mein Gehirn auf der Route Überstunden macht
Ich hänge an der Wand, schaue nach oben und plötzlich meldet sich die innere Stimme:
„Der Griff sieht aber klein aus.“
„War mein Knie früher nicht beweglicher?“
„Habe ich eigentlich die Terrassentür zugemacht?“
„Warum ist der junge Typ neben mir schon drei Routen weiter?“
Während mein Körper eigentlich klettern möchte, veranstaltet mein Verstand eine Vorstandssitzung.
Genau hier hat Meditation mein Klettern verändert.
Meditation: Weniger Affentheater im Kopf
Meditation bedeutet für mich nicht, stundenlang im Schneidersitz zu sitzen und auf Erleuchtung zu warten. Es bedeutet, meinen Gedanken zuzuschauen, ohne jedem hinterherzurennen wie einem entlaufenen Hund. Beim Klettern hilft mir das enorm. Wenn die berühmte innere Stimme wieder anfängt:
„Das wird schwierig.“
Dann denke ich:
„Danke für die Information. Wir klettern jetzt trotzdem weiter.“
Weniger Kraft, mehr Köpfchen
Mit 25 konnte ich manche Fehler mit Kraft lösen.
Mit über 70 sieht die Rechnung anders aus.
Heute weiß ich: Wer verkrampft, verbraucht zu viel Energie.
Meditation hilft mir, lockerer zu bleiben. Ich atme ruhiger, bewege mich bewusster und halte nicht jeden Griff fest, als wäre er der letzte Rettungsring auf dem Atlantik.
Das Ergebnis: Ich komme oft weiter – und sehe dabei sogar etwas eleganter aus.
Die Sache mit der Angst
Jeder Kletterer kennt sie. Natürlich spriht „Mann“ nicht darüber.
Manchmal steht man vor einer Passage und plötzlich meldet sich das Kopfkino:
„Was passiert, wenn ich falle?“
„Ist das wirklich eine gute Idee?“
„War Schachspielen nicht auch ein schönes Hobby?“
Meditation hat mir gezeigt, dass Angst nicht verschwinden muss.
Sie darf da sein.
Sie muss nur nicht das Kommando übernehmen.
Ein ruhiger Atemzug bewirkt mehr als zehn Minuten Grübeln.
Der Flow-Zustand: Wenn endlich Ruhe ist
Die schönsten Momente beim Klettern sind für mich die, in denen alles zusammenkommt.
Der Körper bewegt sich fast von allein.
Der Atem fließt.
Keine Gedanken.
Kein innerer Kritiker.
Kein Vergleich mit anderen.
Kein Einkaufszettel.
Nur Bewegung.
Das kommt einer Meditation oft näher als jede Asana auf der Yogamatte.
Mein Fazit
Seit ich meditiere, klettere ich nicht unbedingt spektakulärer.
Aber entspannter.
Konzentrierter.
Mit viel mehr Freude.
Und deutlich seltener im Wettkampf gegen mich selbst.
Vielleicht ist das die größte Erkenntnis: Besser klettern bedeutet nicht schwerere Routen zu schaffen. Es bedeutet die Route zu genießen, auf der ich gerade unterwegs bin. Dankbar dafür zu sein, was mir im Moment gerade möglich ist.
Und wenn mal wieder ein Gedanken vorbeikommt, kein Problem, dann atme ich tief durch und erinnere mich: Es ist nur ein Gedanke, nicht die Realität.
Über Karl Wiesner
Jahrgang 1950
Bergsteiger und Kletterer von Kindesbeinen an.
Meditierer seit 1982.
Ing. Nachrichtentechnik
NLP-Trainer und Coach