Nichts Besonderes…

 

Die Welt ist weiß. Mitten im Oktober. Selbst die Kühe schauen ratlos, suchen am Boden nach den vertrauten grünen Halmen und tauchen ihre Mäuler in das kalte weiße Zeug, das da über Nacht vom Himmel kam. Eine Herbsttour sollte es ein. Jetzt tauchen die Bergstiefel bis über den Schaft in feuchten Pappschnee. Eine dreckige Pfütze schmatzt unter den Sohlen. Im Nu schmiegen sich die Socken nass und klamm um den Fuß. Warum sind die Gamaschen nicht im Rucksack?! Tauender Schnee tropft von den Zweigen – eine unwillkommene Dusche. Die Haare hängen wie ein feuchter Wischmopp ins Gesicht. Schnee rieselt in den Nacken und sucht sich als kaltes Rinnsal den Weg über den Rücken. Muss das sein…?! Ein Gedankenkreisel setzt sich in Bewegung: Was tu ich hier eigentlich? Die viele Arbeit auf dem Schreibtisch… So viel zu erledigen! Sinnlos, hier rumzustapfen. Musste das ausgerechnet heute Nacht schneien! Beginnt jetzt schon der lange, graue Winter?! Der Schnee reicht inzwischen bis übers Knie. Immer wieder rutscht die Sohle auf einer feuchten Wurzel weg. Ist das anstrengend! In das Gedankenkarussell mischen sich ein paar unausgesprochene Flüche.

Dann streift der Blick eine Wurzel, die wie eine Holzskulptur aus dem Schnee ragt. Einen Zweig, an dem ein Tropfen wie eine winzige Kristallkugel funkelt. Die Spur eines Fuchses, die sich in die weiche, weiße Oberfläche gedrückt hat. Nichts Besonderes…Der Schweiß rinnt salzig in die Augen, die Beine wühlen sich weiter durch den schweren Schnee. Nichts Besonderes…  Doch das Geplapper im Kopf ist irritiert, zögert, wird leiser. Plötzlich bricht ein Sonnenstrahl durch die Wolkendecke. Fällt auf das Moospolster an einem Baumstamm, das unwirklich grün leuchtet – jede Faser ein kleines Kunstwerk. Nichts Besonderes – und doch stockt kurz der Atem. Für einen winzigen Moment reißt der Gedankenstrom. Ist es still. Sendepause. Ein kurzer Augenblick tiefen Gerührtseins blitzt auf. Gänsehaut. Die Kehle schluckt. Dann plappert es wieder. Aber zurückhaltend, fast schüchtern. Der Gedankenfluss ist zu einem murmelnden Bach geworden, der einen begleitet, wenn man an seinem Ufer entlanggeht – ohne dass man seinem Geräusch große Beachtung schenkt. Die Augen schauen nun, schauen richtig hin. Und plötzlich ist die Welt reich an Formen. Überbordend vor Farben. Voller kleiner Wunder. Sie sehen die Nebelschleier, die wie hauchdünne Seide die Formen der Berge umspielen. Können sich nicht satt sehen am Farbenspiel eines Laubbaums, der sich grell bunt wie auf einem expressionistischen Gemälde vor einer makellos weißen Schneedecke abhebt. Staunen über die in der Sonne silbrig glänzenden Wasserfäden, die von den Zweigen rieseln. Das Geräusch des tropfenden Waldes scheint eine vielstimmige Sinfonie. Die Nase saugt die klare, kalte Luft ein, riecht den Schnee. Ein Hochgefühl durchströmt jede Pore. Man möchte juchzen. Grundlos. Einfach so. Nichts Besonderes ist passiert. Und doch ist plötzlich alles anders. 

Franziska Baumann

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